Warum ist das propagierte Core Training nicht effizient?

In den letzten Jahren hat das Thema Core Training immer mehr an Wichtigkeit gewonnen. Athletiktrainer im Leistungssport, Personal Trainer etc. propagieren es als unersetzlich für ihre Klienten. Mark Verstegen und seine Trainingsphilosophie in Core Performance werde oft als Grundlage genutzt und wie eine Art Bibel behandelt. Leider trainieren viele Athleten dabei häufig an der eigentlichen Funktionalität des Körpers vorbei.

 

Wollen wir uns doch zunächst einmal anschauen, wie unser Körper eigentlich funktioniert.

 

Aus biomechanischer Sicht ist die Funktion des Cores oder der Core Muskulatur eine Schutzfunktion vor ungewollter Bewegung; vorwiegend vor ungewollter Rotation und Extension, aber auch vor ungewollter Neigung oder Beugung des Körpers. Hierzu muss der Core in der Lage sein, externen Einflüssen und internen Bewegungen zu wiederstehen. Somit steht eine willentliche Rotation oder auch Flexion des Rumpfes im Gegensatz zur eigentlichen Funktion. Dies bedeutet, ein Crunch, Situp, eine „Bauchmaschine“ oder ein „Twister“ trainieren unseren Core/Rumpf leider nicht so, wie wir ihn für unseren Alltag oder Sport benötigen! Zusätzlich lässt sich die dort gewonnene Kraft/Stabilität leider gar nicht oder nur sehr eingeschränkt auf andere Situationen übertragen. Dies heißt nicht, dass die genannten oder ähnlichen Übungen den Bauch nicht trainieren. Wenn mein Ziel ein Sixpack ist, können sie eine gute Möglichkeit sein, mich diesem Ziel näher zu bringen. Liegen meine Ziele allerdings im Bereich Performance Verbesserung, Schmerzreduktion usw. sind sie nicht sehr effektiv.

 

Aus neuronaler Sicht wird das ganze noch spannender. Evolutionär hat unser Gehirn genau festgelegt, wo vorwiegend willkürliche Bewegung und wo eher autonome Bewegung zur reflexiven Stabilisierung stattfinden soll. Dafür gibt es in unserem Körper festgelegte Wege, wie unser Gehirn mit dem restlichen Körper kommuniziert. Lediglich 10% dieser „Wege“ sind für willkürliche Bewegungen im Körper zuständig. Die restlichen 90% dienen der reflexiven Stabilität während einer willkürlichen Bewegung (willkürliche Bewegung wird vorwiegend über den „Cortico-Spinal-Kanal“ gesteuert). Schaut man sich nun den Weg für willkürliche Bewegung einmal genauer an, stellt man fest, dass 90% des Weges für die willkürliche Ansteuerung der Extremitäten (Arme, Beine) zuständig sind. Lediglich 10% sind für die willkürliche Bewegung des Core/Rumpfes zuständig. Dies ist doch schon recht mau, oder? Im Gesamten bedeutet dies also, dass lediglich 1% für eine willkürliche Bewegung unseres Rumpfes zuständig ist. 

 

Kommen wir nun noch einmal zur biomechanischen Sicht zurück. Ziel des Core ist es also, ungewollte Bewegung zu verhindern, bzw. ein Umfallen und „Ausweichen“ bei Bewegungen der Arme und Beine zu vermeiden. Wir wollen im Alltag und Sport stabiler sein, um z.B. bessere Leistung abrufen zu können oder schmerzfreier zu sein. Soweit so gut...und dies trainieren wir jetzt mit 1% unserer Möglichkeiten? Das ist aus meiner Sicht nicht wirklich effizient!

 

 

Aber wie mache ich das nun besser....?

 

Um dies zu erreichen, konzentrieren wir uns nochmal auf 90% der neuronalen Wege, welche für die reflexive Stabilität zuständig sind. Diese laufen von unserem Gehirn durch den Hirnstamm zum Rückenmark. Von dort aus wird dann eine Aktivierung und/oder Hemmung der jeweiligen Muskulatur veranlasst. Dies erzeugt unsere Stabilität, denn wir wollen ja nicht umfallen, wenn wir Arme und Beine bewegen.

 

Wie aktiviere ich also nun diese 90% um meine Stabilität zu verbessern?  Mit einem klassischen Core-Training geschieht dies leider nicht oder nur sehr vereinzelt. Sorry! Um mir diese 90% der Wege zu Nutzen zu machen, muss ich meinen Hirnstamm aktivieren. Dies ist auf unterschiedliche Art und Weise möglich. Zum einen wird der Hirnstamm durch die gleichseitige Gehirnhälfte (Cortex)aktiviert, zum anderen Besteht auch die Möglichkeit, über unser gleichseitiges Gleichgewichtsorgan Einfluss auf den Hirnstamm zu nehmen.

 

Unser Cortex lässt sich dazu z.B. durch nicht-lineare Bewegungen (male eine 8 mit der Hand) auf der gegenüberliegenden Körperhälfte oder auch durch spezifische Augenbewegungen aktivieren. Unser Gleichgewichtsorgan kann z.B. durch eine Kopfdrehung zur jeweiligen Seite angesprochen werden.

 

Reicht mir diese Aktivierung des Hirnstammes noch nicht aus, habe ich noch die Möglichkeit über unsere Hirnnerven (in diesem Falle Hirnnerv V-XII) direkten Einfluss zu nehmen. Hier arbeite ich wieder auf der Seite, welche ich aktivieren möchte. Auch wenn es evtl. etwas verrückt klingt, aber ich könnte eine Aktivierung des linken Hirnstammes z.B. ebenfalls durch Hören eines Tons mit dem linken Ohr (Hirnnerv VIII) und/oder das Herausstrecken der Zunge zur rechten Seite (Hirnnerv XII) erreichen.

 

Ich kann also weitaus mehr und auch effizientere Stabilität auf meiner linken Körperseite erzeugen, als es jedes Core-Training vermag,  in dem ich mit meiner rechten Hand eine 8 male, während ich meinen Kopf nach links drehe und dabei meine Zunge zur rechten Seite raus strecke. Ach ja und das natürlich alles während ich auf dem linken Ohr (und nur auf dem linken Ohr) Musik höre.  Das ist schon verrückt oder?

 

Zu guter Letzt sei noch darauf hingewiesen, dass Training der reflexiven Stabilität sowie des Gleichgewichts nichts mit Training auf instabilen Untergründen zu tun hat. Aber dazu ein anders Mal mehr.

 

 

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